Glosse: Big Business oder Neulich in der U-Bahn

Nur gut, dass die alte Zeit der Postkutschen vorbei ist. Sonst würden Wegelagerer die Kutschen auf ihren Wegen anhalten und den Fahrgästen mit vorgehaltenem Revolver fragen; „Haste mal nen EURO?“

Heute, in Zeiten des Menschen-Massentransports in U- und S-Bahnen sind es keine Revolver mehr, die den Fahrgästen vor die Nase gehalten werden. Es reicht schon eine ein­fache kleine Blechdose, ein leidender Gesichtsausdruck und ein passender Spruch.
Die „Haste-mal-nen-Euro-Generation“ hat sich die moder­nen Verkehrsmittel für ihr Überleben nutzbar ge­macht. Plötzlich und unerwartet steht ein junger Mann in löchrigen Jeans und alten T-Shirt in einen der vollen Bahn­waggons.
„Guten Tag liebe Fahrgäste, ….“
Liebe Fahrgäste – Whow, das hat schon lange keiner zu mir gesagt.
„... ich habe meine Arbeit und meine Wohnung verloren....“
Seine Stimme und Körperhaltung lassen vermuten, dass er gleich zusammenbrechen wird, wenn man ihm nicht hilft.
„ … und ich lebe seit einiger Zeit auf der Straße. ...“
Aha, ein Kollege, von denen, die Nachts ihre Schlafplätze in den Einkaufszentren aufschlagen. Deren Haarschnitt ist aber nicht so gut gekämmt und frisch rasiert sind die auch nicht.
„... Ich möchte Sie fragen, ...“
Gleich kommt´s. Die finale Frage.
„…. ob sie vielleicht ein wenig Kleingeld übrig haben, …“
Aach! - Darum geht es.
„... damit ich mir heute Abend noch etwas zu essen kaufen kann.“
Das ist der Moment, wo die meisten Fahrgäste ihre Nasen noch tiefer in ihre Zeitungen stecken, noch apathischer aus dem Fenster schauen, oder besonders laut sprechen, wenn sie gerade mit ihren Handy telefonieren.
Aber ein paar Personen haben doch Mitleid mit dem armen Leidenden und so springen manche 20- oder 50-Cent Stücke in die Blechdose.
Eines muss man dem Hilfsbedürftigen lassen, gutes Beneh­men hat er ja. Höflich bedankt er sich bei den Fahr­gästen, wünscht allen noch einen guten Tag, um an der nächsten Haltestelle zur nächsten Show zu sprinten.

Neulich fragte ich meine Frau, ob sie mit mir zum Schoppen gehen wolle. Sie sah mich an, als ob sie nicht genau wusste, ob sie nur Fieber messen oder einen Arzt holen sollte.
Gleich im Geschäft steuerte ich auf die Jeansabteilung zu. Ich wühlte mich durch das riesige Angebot, bis ich endlich die richtige gefunden hatte.
„Die ist ja schon kaputt und hat ja überall Löcher.“, sagte meine Frau.
„Das trägt man heute so. Das ist eine Designerjeans; kostet nur 250,00 Euro.“, antwortete ich.
Als ich auch noch ein altgraues T-Shirt anzog, sagte sie: „Fehlt nur noch der Dreitagebart und du siehst aus, als hätte man dich von einer Parkbank geschubst.“
„Prima,“ sagte ich, „dann ab in die nächste U-Bahn und mein Geschäft ist eröffnet.“
Nur das mit dem leidenden Gesichtsausdruck muss ich noch üben.